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Grenzen im Fluss
Nicht mehr nur eine Grenze ist die Oder, sondern auch ein Grenzraum. Vielleicht lässt sich dieser Raum am besten ermessen, wenn man auf der Oder unterwegs ist und sie nicht auf einer ihrer wenigen Brücken überquert
von UWE RADA
Als sich im Mai 2004 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Deutschland, Polen und den Niederlanden auf eine ungewöhnliche Schiffsreise begaben, zeigte sich einmal mehr, wie unerbittlich die Geschichte auch mit Flüssen sein kann. Wie hartnäckig ein Bild sein kann, ein dicker Strich im Atlas. Nicht einmal Jahrhunderte braucht es, dieses Bild zu zeichnen, am Beispiel der Oder reichten bis dahin knapp sechzig Jahre.
Die Oder, lautet dieses Bild, ist eine Grenze. Gezogen in den Verhandlungen von Stalin, Churchill und Roosevelt in Jalta. Festgezurrt auf der Potsdamer Konferenz im August 1945. Eine harte Grenze, eine wie ein Messerschnitt, wie es der polnische Publizist Adam Krzemiński später einmal formulieren würde. Eine Grenze im Fluss, nicht metaphorisch, sondern physisch. Die Mitte der Oder bildet seit dem Potsdamer Abkommen die Grenze zwischen Polen und Deutschland.
Die Schriftsteller auf der Oderreise, die das Kleistmuseum in Frankfurt (Oder) organisiert hatte, setzten dem Diktum der harten Grenze die Metapher der Grenzenlosigkeit eines Flusses entgegen. "Alles hier verästelt sich wie im Schilf nordischer Urwald maßloßer Fluß langsam mit sich und nichts anderem beschäftigt vielleicht mit so etwas wie Verdauung so anders als die Schnellstraßen aus Wasser westlich", schriebt etwa die Schriftstellerin Tanja Dückers.
Dückers reihte sich damit ein in Texte, die schon vor der Oderreise 2004 auf den Fahrten des so genannten Poetendampfers entstanden sind. "Der Seeadler fliegt über den Strom, oder der Storch, der sich im Feuchten sein Frühstück holt", schrieb die in Eislingen an der Fils in Baden-Württemberg lebende Autorin Tina Stroheker. "Drunten im Wasser die Fische haben Routen nach Fischgesetzen, immer gehabt. Nie gab es da eine Grenze."
Harte Grenze und "nie" eine Grenze – damit ist die Bandbreite vorgegeben, in der seitdem über die Oder gesprochen wird. Und natürlich haben die Grenzkontrollen, die zunächst die Bundesrepublik, dann auch Polen in der Flüchtlingskrise seit Herbst 2023 wieder aufgenommen haben, Erinnerungen an die Zeit geweckt, in der der Schlagbaum die Grenze an der Oder geprägt hat. An ein Grenzregime, das erst nach und nach überwunden werden konnte: Mit dem visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen zwischen 1972 und 1980. Mit der Wiedereinführung des visafreien Grenzverkehrs nach der Wiedervereinigung im Juli 1991. Mit dem Betritt Polens zur EU 2024 und zum Schengenraum 2007 und dem Ende der Grenzkontrollen.
Doch das viel kritisierte Comeback der Grenze an der Oder kann nicht zurückdrehen, was seit der ungewöhnlichen Schiffsreise der Schriftsteller auf der Oder seit 2004 entstanden ist. Nicht mehr nur eine Grenze ist die Oder, sondern auch ein Grenzraum. Vielleicht lässt sich dieser Raum am besten ermessen, wenn man auf der Oder unterwegs ist und sie nicht auf einer ihrer wenigen Brücken überquert.
Rechts und links liegen einem dann ihre Ufer zu Füßen. Nicht mehr am Kartenrand der beiden Länder liegt die Oder auf einer Flussreise, sondern in der Mitte. "Fließender Raum" hat das die Erfurter Historikerin Susanne Rau einmal genannt. Und tatsächlich haben Flüsse solche fließenden Räume schon immer gebildet. Selbst der Rhein, lange Zeit zwischen Deutschland und Frankreich erbittert umkämpft, war als Wasserstraße für die Wirtschaft schon immer ein eher verbindendes, denn trennendes Element gewesen.
Vielleicht sind die Grenzen im Fluss aber auch ein Hinweis auf die Grenzen der Sprache. Grenze, das ist etwas Apodiktisches. Zwar kommt das deutsche Wort aus dem Slawischen, auch in Polen heißt Grenze ähnlich wie im Deutschen: Granica. Im Polnischen gibt es aber auch ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt. Pogranicze heißt dieses Wort, das nicht so sehr die Grenze selbst in den Fokus nimmt als vielmehr den Raum, den diese Grenze bildet. Die Vorsilbe Po- bedeutet in diesem Fall "auf beiden Seiten". "Grenzland" oder "Grenzraum" wären mögliche deutsche Übertragungen, doch das Durchlässige, die Verflechtung wird im polnischen Wort viel besser deutlich als in einer solchen deutschen Übersetzung.
Dabei ist ein solcher grenzüberschreitender Raum längst entstanden. Als die Grenze während der Pandemie zum ersten Mal seit dem Schengenbeitritt geschlossen worden war, hat sich bald gezeigt, wie sehr man im Grenzland aufeinander angewiesen ist. Ohne polnische Ärztinnen und Ärzte könnten die Kliniken in Frankfurt (Oder) oder Schwedt nicht existieren. Auch nicht die deutschen Schulen ohne polnische Lehrkräfte. Oder die Europa-Universität Viadrina ohne den Grenzverkehr auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Słubice.
Vielleicht ist die Beschäftigung mit dem deutsch-polnischen Grenzraum aber auch eine Falle. Weil sie etwas verfestigt, was mit der Beschäftigung eigentlich verflüssigt werden soll. Das hartnäckige Bild von der Oder als deutsch-polnischer Grenze wird nicht unbedingt dadurch von anderen Bildern abgelöst, weil man sich mehr mit der Durchlässigkeit der Grenze beschäftigt und weniger mit ihrem Charakter als Stoppschild.
Vielleicht muss man, will man die Grenzen der Oder überwinden, dahingehen, wo die Oder gar keine Grenze bildet. An die schlesische Oder also, dorthin, wo ihr entlang ihres Laufes kein deutsches und kein polnisches Ufer zu Füßen liegt, sondern ein rechtes und ein linkes.
Allerdings gibt es auch an der schlesischen Oder Grenzen. Zum Beispiel die, welche Zukunft man dem Fluss wünscht? Die einer Wasserstraße? Oder die einer naturnahen Auenlandschaft.
Oder man begibt sich flussabwärts nach Stettin. Dort veröffentlichte eine junge Polin ihre Instagram-Fotos in einem Bildband mit dem Titel "Altbauliebe einer Stettinerin" und löste eine wahre Altbau-Hysterie aus. Das polnische Stettin, in der Gründerzeit vom Baumeister James Hobrecht ebenso geprägt wie Berlin, schlug damit einen weiteren Bogen zu seiner deutschen Vergangenheit – auch eine Überwindung von Grenzen, die der in Breslau nicht unähnlich ist.
Wenn man heute mit jungen Menschen in Brandenburg oder in der ehemaligen Neumark in Polen über die Oder spricht, kommt noch ein anderes Thema dazu – das Fischsterben vom August 2022. Einleitungen von Salz in Oberschlesien hatten das Wachstum einer Algenart gefördert. In Kombination mit starker Hitze und Niedrigwasser verbreitete die Alge ein Gift, an dem 360.000 Tonnen Fische verendeten.
Auf der polnischen Seite war die Katastrophe auch ein Katalysator für eine neue Sicht auf die Umwelt. Die schon an der Weichsel aktiven "Flussschwestern", eine Initiative an der Schnittstelle vom Umweltaktivismus und Performance, wurde auch an der Oder aktiv und organisierte 2023 einen Marsch für die Oder, der auch an der Grenzoder stattfand.
Gleichzeitig forderten lokale Gruppen die Bildung eines Nationalparks Unteres Odertal auch auf der polnischen Seite der Oder. Schließlich gründete sich ein Netzwerk mit dem Namen "Osoba Odra", das sich für die Forderung stark macht, die Oder als Rechtsperson anzuerkennen und ihr juristische Eigenrechte zuzugestehen.
Der Wiederkehr der Grenzkontrollen, das zeigen die jüngsten Entwicklungen wie diesen, steht ein mehr und mehr fluider Raum entgegen. Die Grenzen im Fluss verschwinden. Mitunter aber erweisen sie sich nach wie vor als hartnäckig. Wenn in Deutschland über die polnischen Pläne zum Ausbau der Oder gesprochen wird, kritisierte einmal der in Frankfurt als Leiter des Stadtmarketing tätige Tomasz Pilarski, dann wird schnell der Zeigefinger erhoben.
Eine Art Doppelmoral sei das, klagt Pilarski, der im polnischen Słubice geboren wurde und an der Viadrina studiert hat. "Ich glaube, kein anderes Land in Europa hat so viele ausgebaute Flüsse wie Deutschland."
Auch das Sprechen über die Oder gehört also dazu, wenn man über die Grenzen im Fluss nachdenkt. Auf der jüngsten Fahrt des Poetendampfers im Mai 2026 hat die in Frankfurt lebende Autorin Carmen Winter dieses Sprechen geübt: "Ich schaue aufs Wasser. Es ist klar, wie ich es lange nicht mehr gesehen habe. Ein kleiner Schwarm Jungfische huscht nahe am Ufer vorbei. Das Wasser glitzert. Der Fluss führt viele kleine Dinge mit sich", hat sie einen ihrer Texte vorgetragen. "Wortfetzen wehen zu mir herüber. Am polnischen Ufer stehen drei Angler. Ich höre leises rhythmisches Platschen. Ein Ruderboot nähert sich."
Mit ihrer Snapshot-Technik schaut Winter alleine auf die Oder, hört ihr zu, vermeidet Zuschreibungen, Interpretationen. Wenn überhaupt, lautet ihre Botschaft: Die Grenzen im Fluss sind menschengemacht.
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von UWE RADA
Als sich im Mai 2004 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Deutschland, Polen und den Niederlanden auf eine ungewöhnliche Schiffsreise begaben, zeigte sich einmal mehr, wie unerbittlich die Geschichte auch mit Flüssen sein kann. Wie hartnäckig ein Bild sein kann, ein dicker Strich im Atlas. Nicht einmal Jahrhunderte braucht es, dieses Bild zu zeichnen, am Beispiel der Oder reichten bis dahin knapp sechzig Jahre.
Die Oder, lautet dieses Bild, ist eine Grenze. Gezogen in den Verhandlungen von Stalin, Churchill und Roosevelt in Jalta. Festgezurrt auf der Potsdamer Konferenz im August 1945. Eine harte Grenze, eine wie ein Messerschnitt, wie es der polnische Publizist Adam Krzemiński später einmal formulieren würde. Eine Grenze im Fluss, nicht metaphorisch, sondern physisch. Die Mitte der Oder bildet seit dem Potsdamer Abkommen die Grenze zwischen Polen und Deutschland.
Die Schriftsteller auf der Oderreise, die das Kleistmuseum in Frankfurt (Oder) organisiert hatte, setzten dem Diktum der harten Grenze die Metapher der Grenzenlosigkeit eines Flusses entgegen. "Alles hier verästelt sich wie im Schilf nordischer Urwald maßloßer Fluß langsam mit sich und nichts anderem beschäftigt vielleicht mit so etwas wie Verdauung so anders als die Schnellstraßen aus Wasser westlich", schriebt etwa die Schriftstellerin Tanja Dückers.
Dückers reihte sich damit ein in Texte, die schon vor der Oderreise 2004 auf den Fahrten des so genannten Poetendampfers entstanden sind. "Der Seeadler fliegt über den Strom, oder der Storch, der sich im Feuchten sein Frühstück holt", schrieb die in Eislingen an der Fils in Baden-Württemberg lebende Autorin Tina Stroheker. "Drunten im Wasser die Fische haben Routen nach Fischgesetzen, immer gehabt. Nie gab es da eine Grenze."
Harte Grenze und "nie" eine Grenze – damit ist die Bandbreite vorgegeben, in der seitdem über die Oder gesprochen wird. Und natürlich haben die Grenzkontrollen, die zunächst die Bundesrepublik, dann auch Polen in der Flüchtlingskrise seit Herbst 2023 wieder aufgenommen haben, Erinnerungen an die Zeit geweckt, in der der Schlagbaum die Grenze an der Oder geprägt hat. An ein Grenzregime, das erst nach und nach überwunden werden konnte: Mit dem visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen zwischen 1972 und 1980. Mit der Wiedereinführung des visafreien Grenzverkehrs nach der Wiedervereinigung im Juli 1991. Mit dem Betritt Polens zur EU 2024 und zum Schengenraum 2007 und dem Ende der Grenzkontrollen.
Doch das viel kritisierte Comeback der Grenze an der Oder kann nicht zurückdrehen, was seit der ungewöhnlichen Schiffsreise der Schriftsteller auf der Oder seit 2004 entstanden ist. Nicht mehr nur eine Grenze ist die Oder, sondern auch ein Grenzraum. Vielleicht lässt sich dieser Raum am besten ermessen, wenn man auf der Oder unterwegs ist und sie nicht auf einer ihrer wenigen Brücken überquert.
Rechts und links liegen einem dann ihre Ufer zu Füßen. Nicht mehr am Kartenrand der beiden Länder liegt die Oder auf einer Flussreise, sondern in der Mitte. "Fließender Raum" hat das die Erfurter Historikerin Susanne Rau einmal genannt. Und tatsächlich haben Flüsse solche fließenden Räume schon immer gebildet. Selbst der Rhein, lange Zeit zwischen Deutschland und Frankreich erbittert umkämpft, war als Wasserstraße für die Wirtschaft schon immer ein eher verbindendes, denn trennendes Element gewesen.
Vielleicht sind die Grenzen im Fluss aber auch ein Hinweis auf die Grenzen der Sprache. Grenze, das ist etwas Apodiktisches. Zwar kommt das deutsche Wort aus dem Slawischen, auch in Polen heißt Grenze ähnlich wie im Deutschen: Granica. Im Polnischen gibt es aber auch ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt. Pogranicze heißt dieses Wort, das nicht so sehr die Grenze selbst in den Fokus nimmt als vielmehr den Raum, den diese Grenze bildet. Die Vorsilbe Po- bedeutet in diesem Fall "auf beiden Seiten". "Grenzland" oder "Grenzraum" wären mögliche deutsche Übertragungen, doch das Durchlässige, die Verflechtung wird im polnischen Wort viel besser deutlich als in einer solchen deutschen Übersetzung.
Dabei ist ein solcher grenzüberschreitender Raum längst entstanden. Als die Grenze während der Pandemie zum ersten Mal seit dem Schengenbeitritt geschlossen worden war, hat sich bald gezeigt, wie sehr man im Grenzland aufeinander angewiesen ist. Ohne polnische Ärztinnen und Ärzte könnten die Kliniken in Frankfurt (Oder) oder Schwedt nicht existieren. Auch nicht die deutschen Schulen ohne polnische Lehrkräfte. Oder die Europa-Universität Viadrina ohne den Grenzverkehr auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Słubice.
Vielleicht ist die Beschäftigung mit dem deutsch-polnischen Grenzraum aber auch eine Falle. Weil sie etwas verfestigt, was mit der Beschäftigung eigentlich verflüssigt werden soll. Das hartnäckige Bild von der Oder als deutsch-polnischer Grenze wird nicht unbedingt dadurch von anderen Bildern abgelöst, weil man sich mehr mit der Durchlässigkeit der Grenze beschäftigt und weniger mit ihrem Charakter als Stoppschild.
Vielleicht muss man, will man die Grenzen der Oder überwinden, dahingehen, wo die Oder gar keine Grenze bildet. An die schlesische Oder also, dorthin, wo ihr entlang ihres Laufes kein deutsches und kein polnisches Ufer zu Füßen liegt, sondern ein rechtes und ein linkes.
Allerdings gibt es auch an der schlesischen Oder Grenzen. Zum Beispiel die, welche Zukunft man dem Fluss wünscht? Die einer Wasserstraße? Oder die einer naturnahen Auenlandschaft.
Oder man begibt sich flussabwärts nach Stettin. Dort veröffentlichte eine junge Polin ihre Instagram-Fotos in einem Bildband mit dem Titel "Altbauliebe einer Stettinerin" und löste eine wahre Altbau-Hysterie aus. Das polnische Stettin, in der Gründerzeit vom Baumeister James Hobrecht ebenso geprägt wie Berlin, schlug damit einen weiteren Bogen zu seiner deutschen Vergangenheit – auch eine Überwindung von Grenzen, die der in Breslau nicht unähnlich ist.
Wenn man heute mit jungen Menschen in Brandenburg oder in der ehemaligen Neumark in Polen über die Oder spricht, kommt noch ein anderes Thema dazu – das Fischsterben vom August 2022. Einleitungen von Salz in Oberschlesien hatten das Wachstum einer Algenart gefördert. In Kombination mit starker Hitze und Niedrigwasser verbreitete die Alge ein Gift, an dem 360.000 Tonnen Fische verendeten.
Auf der polnischen Seite war die Katastrophe auch ein Katalysator für eine neue Sicht auf die Umwelt. Die schon an der Weichsel aktiven "Flussschwestern", eine Initiative an der Schnittstelle vom Umweltaktivismus und Performance, wurde auch an der Oder aktiv und organisierte 2023 einen Marsch für die Oder, der auch an der Grenzoder stattfand.
Gleichzeitig forderten lokale Gruppen die Bildung eines Nationalparks Unteres Odertal auch auf der polnischen Seite der Oder. Schließlich gründete sich ein Netzwerk mit dem Namen "Osoba Odra", das sich für die Forderung stark macht, die Oder als Rechtsperson anzuerkennen und ihr juristische Eigenrechte zuzugestehen.
Der Wiederkehr der Grenzkontrollen, das zeigen die jüngsten Entwicklungen wie diesen, steht ein mehr und mehr fluider Raum entgegen. Die Grenzen im Fluss verschwinden. Mitunter aber erweisen sie sich nach wie vor als hartnäckig. Wenn in Deutschland über die polnischen Pläne zum Ausbau der Oder gesprochen wird, kritisierte einmal der in Frankfurt als Leiter des Stadtmarketing tätige Tomasz Pilarski, dann wird schnell der Zeigefinger erhoben.
Eine Art Doppelmoral sei das, klagt Pilarski, der im polnischen Słubice geboren wurde und an der Viadrina studiert hat. "Ich glaube, kein anderes Land in Europa hat so viele ausgebaute Flüsse wie Deutschland."
Auch das Sprechen über die Oder gehört also dazu, wenn man über die Grenzen im Fluss nachdenkt. Auf der jüngsten Fahrt des Poetendampfers im Mai 2026 hat die in Frankfurt lebende Autorin Carmen Winter dieses Sprechen geübt: "Ich schaue aufs Wasser. Es ist klar, wie ich es lange nicht mehr gesehen habe. Ein kleiner Schwarm Jungfische huscht nahe am Ufer vorbei. Das Wasser glitzert. Der Fluss führt viele kleine Dinge mit sich", hat sie einen ihrer Texte vorgetragen. "Wortfetzen wehen zu mir herüber. Am polnischen Ufer stehen drei Angler. Ich höre leises rhythmisches Platschen. Ein Ruderboot nähert sich."
Mit ihrer Snapshot-Technik schaut Winter alleine auf die Oder, hört ihr zu, vermeidet Zuschreibungen, Interpretationen. Wenn überhaupt, lautet ihre Botschaft: Die Grenzen im Fluss sind menschengemacht.
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